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Die Berliner Mauer

Legende vom Mauerbau

Die Legende geht um (wird umgegangen), daß
irgendwelche bösen Buben das DDR-Volk eingemauert haben. Wenn aber jemand das DDR-Volk eingemauert hat, dann kann es nach der Logik keiner aus dem DDR-Volk gewesen sein.

Also wer hat es denn eingemauert? Die Bayern, die Schwaben, die Ostfriesen - oder die kleinen grünen Männchen - ?

Anfang der 80er war ich in Köpenick bei einer Familie zu Besuch. Nach dem Essen und dem dritten oder vierten Wodka belegte mich der Mann mit seinen Jugenderinnerungen. Seine Augen strahlten, als er mir erzählte, wie er und seine Genossen der Betriebskampfgruppe irgend eines VEB am 13.August von der Partei zum Brandenburger Tor befohlen  wurden, um die Straße freizuräumen.
 "Mit dem Gewehrkolben in die Kniekehlen und dann nach hinten durchgereicht zur Weiterbehandlung! Nachher hat uns in der Einsatzzentrale in der Keibelstraße hinterm Polizeipräsidium der Erich die Hand gedrückt und uns wieder rausgeschickt. Auf uns konnte er sich verlassen!"
Er schwelgte in seinen Erinnerungen.
Sein Motiv? Er hatte irgendeine Parteifunktion und konnte nicht ertragen, daß täglich welche vor ihm und seinen Genossen flohen, daß sie ihm kein Wort glaubten, daß sie seinen Sozialismus nicht haben wollten!
Ich mußte mich zusammenreißen, um weiter zuzuhören, denn solche offenen Worte bekam man ja nicht alle Tage geboten.
Einmal noch bei einer Feier in Friedrichshain, wieder nach dem Essen und den ersten Schnäpsen fing Heinz (Name geändert) an zu erzählen:"Ick muß dir mal was sachen: Ick habe mitjemauert, ja! War ja erst sechsundzwanzig, als sie mir und meine Kollejen in der Woche nach dem 13. vom Bau holten und uns in die Rheinsberger Straße brachten. Dort stand schon alles da - die Steine, der Mörtel und so. Mir een Ziejelstein uffn Fuß fallen lassen, hab ick mir nich jetraut, also habe ick jemauert."
Sein Motiv? Er hatte eine Freundin in Friedrichshain, die hatte aber noch einen Verehrer aus Neukölln. Und der brachte ihr aus dem Westen mal einen Petticoat mit oder ein Paar Nylons. Das konnte der Bauarbeiter Heinz im Osten nicht bieten.
Als Heinz dann in der Rheinsberger Straße stand und vielleicht überlegte, ob er sich einmauern sollte oder nicht - - - nun, er hat gemauert, und der Typ aus dem Westen kam nie wieder. Ein Jahr später wurde in Friedrichshain ungestört Hochzeit gefeiert. Und Heinz wurde bald darauf zum Kranführer-Lehrgang delegiert, dann zu weiteren Lehrgängen, bis er schließlich Bauleiter war.
Hatte es sich nun gelohnt für ihn? Es hatte.
Ich fragte ihn schließlich, was seine Braut dazu gesagt hatte. "Nischt - um Himmels willen, die weeß von nischt, und die Kinder ooch nich! Halt bloß die Klappe!"
Er fühlte sich mitschuldig am Bau der Mauer. Immerhin war er dadurch Bauleiter geworden - und die private Konkurrenz war auch ausgesperrt.
Wie schuldig aber fühlten und fühlen sich diejenigen, die kraft ihrer bescheinigten Intelligenz (Abitur, Staatsexamen, Promotion) den Bauarbeitern die historische Notwendigkeit des Mauerbaus bis zum Erbrechen erklärt hatten? Und die natürlich auch heute noch das Ding irgendwie begründen - aus der historischen Situation heraus. Als ob nicht schlichtweg die eine Partei ihre Macht davonschwimmen sah, deshalb sie also die noch Anwesenden einsperren mußte, damit jemand dablieb, über den man herrschen konnte!
Weshalb auch die nach 1989 ins politische Treibhaus aufgerückten  Revolutionäre dafür sorgten, daß das Gedenken an die wahren Revolutionäre - die vom 17. Juni - abgeschafft oder zumindes stark eingeschränkt wurde. Und das Gedenken an die Opfer der Mauer ebenso. Denn es waren auch ihre Opfer.
Und da ich selbst lange Zeit zum DDR-Establishment gehört habe, sind es auch meine Opfer.
Die neuerliche Ostalgie-Welle gab mir den Anstoß, mich in die Ostberliner Bibliotheken zu setzen und in alten Zeitungen vom August 1961 nachzuforschen. Ich nahm an, lediglich Parteipropaganda zu finden, aber ich fand mehr.
Einige der Leute, die sich damals öffentlich zu Wort meldeten, kenne ich persönlich, war sogar mit ihnen befreundet. Aber von ihnen habe ich nie erfahren, wie sie sich aktuell zum Mauerbau geäußert hatten und wie sich das auf ihre Karriere auswirkte.
Ich könnte sie jetzt fragen, doch ihre Ausreden und Lügen will ich mir nicht zumuten, es ekelt mich bei dem bloßen Gedanken. Ohnehin habe ich diese früheren Freunde seit meinem NEIN zu Partei und Sozialismus 1978 nicht mehr gesehen. Damals war ich für sie nicht mehr gesellschaftsfähig, und heute sind sie es nicht mehr für mich. Wir leben in verschiedenen Welten, wenn auch bis 2004 in derselben Stadt Berlin.
(Was soll da zusammenwachsen?)

Die folgende Dokumentation gibt Einblick in das Funktionieren einer modernen Erziehungs-Diktatur mit Gehirnwäsche und Selbst-Manipulation.
Wenn man sich nur auf die jeweils öffentlich geäußerten Meinungen bezieht, waren damals mehr als genug für den Mauerbau, als daß man von einem "eingemauerten Vilk" sprechen kann.
Richtig: Die einen haben gemauert oder gesichert, andere haben die Abschottung begrüßt ("Jetzt sind wir unter uns."), die meisten haben sich nicht darum geschert, die wirklich Eingesperrten mußten es erdulden und schweigen!








Josef Budek.   In den Bibliotheken und Archiven ist alles einsehbar.
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