zurück                     Familie Meinhart überlebt

2.Kapitel (Auszug)
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Ihr Zuhause in der Hafenstadt Stettin. Draußen in Westend, in der Werderstraße stand das ockerfarbene Meinhartsche Haus. Das heißt - nein, zunächst war alles ganz anders gewesen. Das Gartengrundstück gehörte den Silbersteins, die sich nach Kriegsende neunzehnhundertneunzehn dort ein Holzhäuschen gebaut hatten. Sie gelangten dann zu etwas Vermögen - wenn auch Silberstein nur Oberamtsrat beim Katasteramt war - und konnten sich Ende der Zwanziger in der anderen Hälfte ihres großen Gartens ein modernes Haus bauen lassen, wonach das Gartenhaus zum Vermieten anstand. Ein Regierungsrat Gutschke, bei dem Erikas Verlobter Paul zu dieser Zeit noch Chauffeur war, deichselte das mit den Silbersteins so, daß die beiden Verlobten dort zur Miete wohnen konnten und sogar den hinteren Teil des Gartens zur Pacht bekamen, damit Paul sich dort sein Fuhrgeschäft einrichten konnte. Nach der Hochzeit erhielt das Ehepaar Meinhart ein Ehestandsdarlehen, wovon ein nagelneuer Lieferwagen angezahlt wurde. Dieser Lieferwagen, blau, mit der Aufschrift Meinhart-Transporte Stettin, stellte denn auch das komplette Fuhrgeschäft dar.
In dem Gartenhaus, zwischen Flieder- und Schneeballsträuchern, Chrysanthemen und grünen Bohnen, Apfelbäumen und Kiefern wurden die Kinder geboren. Gleich zu Beginn der Dreißiger die beiden großen, Werner und Anneliese, weshalb Erikas Theaterkarriere nach dem ersten erfolgreichen Jahr beinahe schon wieder zu Ende gewesen wäre, wenn nicht Frau Silberstein, die selbst keine Kinder hatte - was an ihrem Mann gele-gen haben soll, der im Weltkrieg in einen Giftgasangriff an der Westfront geraten war, wodurch irgendwelche Nerven geschädigt wurden - wenn die sich also nicht der beiden Meinhartkinder angenommen hätte. Denn sowohl Erikas Eltern wie auch die Schwiegereltern kamen nicht in Betracht, da waren verletzter Stolz und diffuse Schamgefühle und Standes-Etikette die Ursachen für den Abbruch der Beziehungen. Frau Silberstein widmete sich dieser Aufgabe mit Freude.
Paul murrte zwar - denn die Mutterpflichten seien irgendwie heilig, undsoweiterundsoweiter - andererseits fühlte er sich geschmeichelt: seine junge Frau schon eine stadtbekannte Person, der man Blumen schickte. Hatte es ja vier Jahre zuvor kaum abwarten können, daß das noch so junge Fräulein Bilsky, Gesangsschülerin von Professor Olbernich und obendrein schon Elevin am Bellevue-Theater, endlich achtzehn wurde, damit der verliebte Paul endlich seinen Heiratsantrag anbringen konnte. Denn ohne Trauschein lief bei ihr nichts. Allerdings drängte Paul nicht, denn er meinte es ernst, spürte, daß er mit dieser jungen Frau schon einiges zuwege bringen würde. Sie trafen sich allabendlich unterm Schwanz, also am Reiterdenkmal von Kaiser Wilhelm, und verzogen sich in die Grabower Grünanlagen, dem üblichen Ziel der Liebespaare. Das äußerste, was Erika zuließ, daß Paul ihre Brust umfaßte, auch noch ihre Taille. Dann aber, wenn er weitergrapschen wollte, sprang sie auf und zog ihn zurück in die belebte Augustastraße, vorbei am Königstor in die Konditorei Willi. Bald nachdem sie bei Silbersteins eingezogen waren, heirateten sie in der neuen Kreuzkirche in Westend, die noch nach frischem Beton roch.
Ein Jahr später trat Erika zum ersten Mal in einer richtigen Bühnenrolle auf, wenn auch nur ganz kurz in drei Szenen. Aber Léon Jessel, als Komponist des Schwarzwaldmädel im ganzen Reich bekannt, bestand darauf, daß sie in seiner Operette Die kleine Studentin mitsang. Erika war von dem gutaussehenden älteren Herrn mit der graumelierten Tolle hingerissen. Der Meister war hier in Stettin aufgewachsen und lebte seit Jahren in der Reichshauptstadt. Ab und zu jedoch besuchte er seine Heimat, studierte sein neustes Stück ein oder setzte Proben an, weil nach den vielen Reprisen die musikalische Qualität doch erheblich gelitten hatte. Bei diesen Proben zeigte sich der Meister ungeduldig und mitunter sogar rabiat. Da passierte es, daß das gesamte Ensemble einschließlich Orchester nachsitzen mußte, bis er seine Musik wiedererkannte. Die jungen Leute aber hatten bei ihm grundsätzlich einen Stein im Brett. Für Fräulein Bilsky schrieb er sogar ein zusätzliches Liedchen, das in Tonlage und Tonumfang Rücksicht nahm auf ihre junge Sopranstimme, das heißt, weil sie in der Höhe noch zittrig klang. Also klopfte er ab: "Damen und Herren, wir nehmen alles zwei Töne tiefer, das klingt dann auch besser."
Nach den Proben zogen sie mit dem Meister rüber zum Stammtisch in der Kneipe von Molle. Jessel spendierte eine Runde Stettiner Korn, Erika durfte sich einen Kaffeelikör bestellen. "Ein paar Jährchen hin", flüsterte er ihr ins Ohr, werde er sie nach Berlin holen, damit sie seine neue Operette zum Leben erwecke! Erika errötete wie nach einem unanständigen Kompliment. Schließlich wurden die neuesten, vor allem aber die alten Theateranekdoten hervorgeholt. Es brauchte nur jemand auf eines der Bilder an der Wand zu schauen, auf eines der Fotos der Schauspieler und Sänger, die hier engagiert waren, und sofort sprang die Erinnerung auf. Wißt ihr noch, wie im zweiten Akt "Lohengrin" der Ernst Plonnewitz nicht von der Bühne abgehen konnte, weil ihn ein Bühnenarbeiter von der Unterbühne her an den Bühnenboden festgebohrt hatte?
©  Josef Budek,  Berlin                        * Seite 1 *                      weiter