Auf der Internetseite der FORSCHUNGS- UND GEDENKSTÄTTE NORMANNENSTRASSE (www.stasimuseum.de) meldete sich am 8.11.2001 eine ehemalige Mitarbeiterin des Ministeriums für Staatssicherheit zu Wort.

"Sehr geehrte (ich nehme an) Ex-Genossen!

Ich bin mir zwar völlig darüber im klaren, das meine Nachricht nicht den Weg auf Ihre schöne Seite findet, doch möchte ich zumindest dem der sie löscht zum Nachdenken bringen.

Finden Sie wirklich das die Bundesregierung nicht dieselben Mittel anwendet, die Sie der Staatsicherheit vorwerfen. Nicht nur die Mittel sind die gleichen Sie werden auch oft dieselben Gesichter sehen. Glauben Sie mir ich spreche da aus Erfahrung. Die Kollegen von damals, sind (wenn auch nicht alle)davon überzeugt gewesen für die richtige Sache zu kämpfen. Ihre Hauptaufgabe lag nie in der Bespitzelung der eigenen Bevölkerung, sondern im Schutz unserer Republik, natürlich auch gegen innere Feinde.

Ich kann und will Sie nicht überzeugen, das Ihre Ansicht falsch ist, es geht mir nur darum zu erklären was die 'Stasi' wirklich war. Auch finde ich Ihre Aufklärung sehr gut, nur etwas einseitig. Uns hat die Geschichte ausgelöscht, wer sagt Ihnen das dieses nicht auch einmal mit Ihnen geschieht.

Auch sage ich nicht das wir nur auf Befehl gehandelt haben, ich will mich in nicht dafür entschuldigen was ich war.

Abschließend noch einmal, weder wir von der HVA noch unsere Kollegen wollten Unschuldige jagen. Wer verschwendet schon gern seine Zeit.

Wir sind keine Vergangenheit und Ihr seid nicht die Zukunft.

Mit besten Grüßen Lisa"




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Josef Budek
Antwort an die Tschekistin Lisa.

(für die Leser: Die Stasileute nannten sich so nach der von Lenin gegründeten Parteipolizei Tscheka.)

Nun ja, daß Sie damals "glaubten", für eine richtige Sache zu kämpfen, soll ja nicht bestritten werden. Nur: was für eine "Sache" war das denn? Die "Republik"? Die bestand aus ca. 17 Mio. Menschen, die natürlicherweise sehr unterschiedlich waren, so wie die Menschen anderswo oder heute hier - eben die "Bevölkerung" eines Landes. Welche Menschen würden Sie denn heute - angenommen, sie hätte wieder die Macht dazu - als "innere Feinde" bezeichnen und "natürlich bekämpfen", also "aufklären und bearbeiten"? Etwa die SPD-Wähler oder die FDP-Wähler oder die CDU-Wähler? Die Hauptaufgabe der Stasi war selbstverständlich die Bespitzelung und Bearbeitung der eigenen Bevölkerung sowie der westdeutschen Bevölkerung (dafür gab es ja Sie und die anderen 3.918 hauptamtlichen Mitarbeiter der Hauptverwaltung Aufklärung, nebst den 173.000 Inoffiziellen Mitarbeitern in der DDR und den ca. 30.000 IM in Wetdeutschland). Die Hauptaufgabe, der Sie sich verpflichtet hatten, war die politisch-operative Arbeit: "die auf dem Klassenauftrag der SED an das MfS beruhende Tätigkeit der operativen Kräfte zur Realisierung der Sicherheitserfordernisse der sozialistischen Gesellschaft." (Wörterbuch des MfS)
Und wie die "sozialistische Gesellschaft" auszusehen hatte, das bestimmte wiederum Ihre Partei. Wer von dieser Meinung abwich, war ein potenzieller Feind. Da gab es sogar eine genaue Einteilung der DDR-Bevölkerung, damit Sie und Ihre Genossen bei der Aufklärung und Bearbeitung sich in der Wahl der anzuwen-den-den Mittel und Methoden besser orientieren konnten.

Ich zitiere Ihren Minister Mielke aus seinem Referat vom 3.4.1981, das auch Sie in Ihrem Dienstbereich durch-zuarbeiten und in "praktische tschekistische Aufklärungsarbeit" umzusetzen hatten. Auf Seite 7 nennt er die Klassifizierung:

"Wer Feind ist,
wer eine feindliche Grundhaltung einnimmt,
wer auf Grund des Wirkens feindlich-negativer Kräfte zum Feind werden kann,
wer den Feindeinflüssen unterliegen und sich vom Feind mißbrauchen lassen könnte,
wer eine schwankende Position einnimmt,
auf wen sich Partei und Staat jederzeit verlassen und zuverlässig stützen können."

Soll ich Ihren Minister weiter zitieren, wie Sie gegen diese Menschen vorzugehen hatten? Ich nenne hier nur die Eckpfeiler Ihrer Arbeit nach der Aufklärung, nach der Beantwortung der für Sie wichtigsten Frage "Wer ist wer?": Gewinnen oder paralysieren! Und was Sie da zu tun hatten, war u.a. in Ihrer Dienstvorschrift "Direktive 1/76 zur Entwicklung und Bearbeitung Operativer Vorgänge" enthalten. Mielke führte dazu aus: "Durch die ständige Klärung der Frage 'Wer ist wer?' muß also das MfS mit seinen tschekistischen Kräften, Mitteln und Methoden die tatsächlichen politischen Einstellungen von Personen, ihre Denk- und Verhaltensweisen heraus-arbeiten, die raffinierte Tarnung feindlich-negativer Kräfte zerreißen, damit sie überall als solche erkannt werden können, auf Gefahren rechtzeitig hinweisen und zu deren Überwindung beitragen, die in schwer erkennbaren feindlich-negativen Einflüssen und schwankenden Haltungen von Personen liegen, die erwiesene Zuverlässigkeit von Personen, denen Partei und Staat unter allen Bedingungen voll vertrauen kann, bekräftigen und diesen Personen helfen, allen Anfechtungen feindlich-negativer Kräfte gewachsen zu sein. Denn diese Menschen sind immer zugleich den vielfältigen Einflüssen des Klassenkampfes, des Lebens in der DDR, in der sozialistischen Staatengemeinschaft, aber auch in und aus nichtsozialistischen Ländern ausgesetzt."
Auch hier wird wieder die Gesamtbreite einer Bevölkerung aufgefächert, die Sie aufzuklären und zu bearbeiten hatten.

Erinnern Sie sich nicht, welche "Verbrechen" Sie in der DDR oder im "Operationsgebiet" Westdeutschland aufgeklärt und an die anderen Abteilungen zur weiteren Bearbeitung weitergegeben haben, z.B. an die Hauptabteilung XX oder die IX?

Ich wurde z.B. verhaftet, weil ich einen Tag gefastet hatte "Fasten für den Frieden"(1983). Damit beschäftigte sich die Betriebsleitung, die Parteileitung, die zuständige Kreisdienststelle der Staatssicherheit, die Bezirks-verwaltung der Staatssicherheit Berlin, das Ministerium für Staatssicherheit, dort zuletzt die HA IX, die mich von der K I der Volkspolizei verhaften ließ, weil ich die "Sicherheit der DDR gefährde". Und dann ließ mich die Staatssicherheit durch das Stadtbezirksgericht Berlin-Pankow zu 18 Monaten Haft verurteilen. Ich war also so ein "innerer Feind", den Sie "natürlich bekämpften", zum "Schutz unserer Republik". Ich war einer der etwa 250.000, die Sie und Ihre Genossen Tschkisten aufklärten und bearbeiteten. Denken Sie denn immer noch, daß Sie das Recht hatten, die "Republik" vor der eigenen Bevölkerung schützen zu müssen?! "Gewinnen oder paralysieren". Die "inneren Feinde", waren die Menschen, die Sie und Ihre anderen 91.000 hauptamtlichen Tschekisten zu Feinden abstempelten. Meist wollten diese Menschen von Ihnen und Ihrer Republik gar nichts wissen. Sie wollten einfach als Menschen leben, wo sie zuhause waren, nämlich in Thüringen, Sachsen oder Mecklenburg. Aber nein, Sie mußten ja mit Ihren Genossen diese Andersdenkenden zu "sozialistischen Persönlichkeiten" erziehen wollen. Und wer das nicht wollte, der wurde zum Feind erklärt und dementsprechend bearbeitet. Natürlich nicht nur von Euch Tschekisten – da spielte die gesamte Erziehergilde mit und die Kaderleiter und die Parteisekretäre und die FDJ-Sekretäre. Die Genossen Journalisten verarbeiteten es in ihren klassenkämpferischen Kommentaren, Genossen Künstler machten aus Euren Kampfparolen Lieder und Gedichte und Theaterstücke und Filme. Die DDR war eben keine Stasi-Diktatur, sondern eine Erziehungsdiktatur. Ihr Genossen Tschekisten wart ja erst an der Reihe, wenn die anderen Erziehungsmaßnahmen nichts gefruchtet hatten. Dann kamt Ihr dran, die "zuständigen Genossen" oder die "zuständigen Organe". Ihr wart ja die Elite, Ihr wart die Besten, auf die sich die Parteiführung immer verlassen konnte. Haben Sie eigentlich nie eine Prämie oder eine Aktivisten-Nadel bekommen für Ihre tschekistische "Arbeit am Feind" bekommen? (Demnächst erscheint in unserem ASTAK VERLAG NORMANNENSTRASSE ein Buch "Arbeit am Feind")

"Weder wir von der HVA noch unsere Kollegen wollten Unschuldige jagen"! Aber, liebe Lisa - Sie haben es getan!!! Merken Sie das denn noch immer nicht? Ihr führender Genosse Krenz hat es doch zugegeben, als er im Oktober 1989 die "Wende" erfand und sogar die Menschenrechte in der DDR einführen wollte. Noch kurz zuvor haben Sie und Ihre Genossen mit tschekistischem Eifer alle eingesperrt, die das Wort "Menschenrechte" auch nur aussprachen. Welches Verbrechens waren die denn schuldig? Die SED hat parteiinterne Definitionen geschaffen von "sozialistischen Menschenrechten" und von "fortschrittlich" und von "Persönlichkeit" usw. und die dann für ein ganzes Volk für verbindlich erklärt. Was hat das mit "Recht" zu tun? Aber nach diesen Parteidefinitionen arbeiteten und urteilten Sie ja, wer "schuldig" und ein "Feind" war. Und da Sie ja nicht auf Befehl gehandelt haben wollen, kann das dann doch nur Ihre Überzeugung gewesen sein, daß Sie mit solcher anmaßenden Rechtspraxis im Recht wären - sogar in "historischem Auftrag".
Und was das "Auslöschen" betrifft, von dem Sie reden: Sie wollten die anderen auslöschen - nur hat das nicht geklappt. Jetzt ist Ihre "Republik" und Ihr "zuständiges Organ", das Ministerium für Staatssicherheit ausgelöscht. Allerdings und Gott sei Dank! Aber Sie und Ihre Genossen leben doch noch, Sie erhalten hübsche Pensionen oder schönes Arbeitslosengeld oder haben sich das "Volkseigentum" dank DDR-Treuhand unter den Nagel gerissen oder haben sich während der Auflösung der DDR gegenseitig Posten verschafft für den Übergang in den anderen Staat.

(Ich beziehe mich u.a. auf die Rede des Genossen Modrow am 21. November 1989 im Haus 1 des Min.f. Staatssicherheit in der Normannenstraße.)
Ihr Genosse Modrow sitzt im Europäischen Parlament, Ihr Genosse Gysi nasführt die Abgeordneten des Bundestages und zur Zeit die Berliner Bevölkerung. Die sehen gar nicht "ausgelöscht" aus! Lediglich einige der Schießgeneräle, die zu feige sind, zu ihren eigenen Befehlen an die Offiziere und Soldaten der Grenztruppen zu stehen, die hat es ein bißchen erwischt. Dafür werden sie aber von Ihren Genossen in den eingetragenen Vereinen, wie "Solidaritätskomitee für die Opfer der politischen Verfolgung in Deutschland e.V." mit Solidarität überschüttet. Sind Sie auch Mitglied in einem dieser fünf Stasivereine in Berlin? Wenn ja - wieso sind Sie "ausgelöscht" - und von wem? Wenn nicht, warum werden Sie nicht Mitglied, um sich nicht "ausgelöscht" vorkommen zu müssen?

Schon kurz nach dem Ende der DDR hatten Ihre Genossen "Hilfe - Lynchjustiz!" geschrien. Wer hat je so etwas veranstaltet? Etwa wir, die wir in ihren Gefängnissen waren? Kennen Sie da einen einzigen Fall? Mir scheint, da kam Ihnen wieder einmal Ihre eigene "politisch-operative Tätigkeit" in den Sinn. Und Ihre nie ausgelöschte Furcht während Ihres Regimes, daß es einmal anders kommen könnte. "Die Leute hängen uns an der Laterne auf, wenn die erfahren, was wir mit Ihnen gemacht haben." Das ist wohl Ihr Alptraum geblieben. Das schlechte Gewissen läßt Sie wohl nicht los? Für den Anfang nicht schlecht. Wenn dann noch die Analyse folgt, wie und warum Sie den Machterhalt ihrer Partei für das Wichtigste und für die "richtige Sache" hielten, und wenn Sie dann vielleicht noch eine Lehre daraus ziehen, daß das zumindest anmaßend war - und wenn Sie das den Kindern vermitteln, damit die nicht auch wieder für eine "richtige Sache" die Andersdenkenden einsperren - dann könnte noch etwas Gutes dabei herausspringen.
Wenn Sie Aufklärung sehr gut finden, dann klären Sie auf - aber zunächst Ihre eigene Lebensgeschichte und Lebenslüge. Das müssen wir doch alle, die wir in unserer Jugend einem Idol angehangen haben. Irgendwann sollten wir aber erwachsen werden und die Irrtümer als Irrtümer erkennen und benennen. Mein Tip: Tun Sie das auch. Das tut zwar unter Umständen weh, aber Sie werden merken: es hilft.