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Erzählung
* Auszug *
Auszug aus dem Erzählband "One Way Ticket"
Ein fahrender Bus auf einer schlechten Autobahn. Man hört jede Nahtstelle der Betonplatten: Tacktack - tacktack.
Ein Bus fährt durch Deutschland - was ist daran Besonderes?
Seit Jahren pendelt dieser Bus auf seiner Route zwischen Sachsen und Hessen hin und her. Vor ihm eine dunkle MERCEDES-Limousine, hinter ihm ebenfalls - eine regelrechte Eskorte. Dieser merkwürdige Konvoi fährt mitunter jede Woche, jedoch manchen Monat überhaupt nicht. Dieser Bus, ein MAGIRUS-DEUZ, ist für viele Menschen ein "Traumbus". Monatelang träumen sie von dieser einen Fahrt.
Es ist die zweite Woche im August 1984.
Man hört die Betonplatten der Autobahn. Tacktack - tacktack.
Eben hat sich ein vornehm wirkender Herr mit randloser Brille von seinem Platz erhoben.
"Hm. - Mein Name ist Falk - ich bin Rechtsanwalt. Ich begrüße Sie in diesem Bus und gratuliere Ihnen, denn Sie haben es geschafft! Die Karten, die man hierfür braucht, gibt es nicht am Ostbahnhof in Berlin zu kaufen und auch in keinem Reisebüro, sondern sie wurden in zähen Verhandlungen erworben, die sich über Monate erstreckten. Sie fahren jetzt nach Giessen, in's Notaufnahmelager, wo Sie von meinem Kollegen, Herrn Althof, empfangen und weiter betreut werden. Für einige von Ihnen habe ich schon Nachrichten mitgebracht, für andere hält sie mein Kollege bereit. Wer ist Herr Schneider?"
"Hier."
"Ich übergebe Ihnen Ihre persönlichen Unterlagen, die Sie bei der Anmeldung drüben gleich brauchen werden. Ihre Frau hatte sie vor einer Weile schon in meinem Büro abgegeben. Na, Sie werden sie ja bald sehen!"
"Danke", sagt Martin. Wichtiger als alles andere ist die Schrift auf dem Umschlag, es ist die Schrift seiner Frau. Er setzt sich und sieht aus dem Fenster. Ein leichter Schleier legt sich über die sonnige Landschaft. Martin nimmt das Taschentuch heraus, es riecht nach Mottenpulver wie alles, was er auf dem Leib hat.
Ja, er wird Leonore bald sehen, und den Sohn auch! Seit Ende März sind sie schon in West-Berlin. Vielleicht haben sie bereits eine Wohnung gefunden - oder doch wenigstens besichtigt - und warten nun auf ihn. Er versucht, sich die beiden in Westklamotten vorzustellen: Leo in einem weißen Sommerkleid, den Jungen in einem fetzigen T-Shirt. Es gelingt nicht recht. Nur noch ein paar Tage Geduld, dann wird auch er wieder in Berlin sein, aber auf der anderen Seite der Mauer - wie seine Familie!
Martin brauchte zehn Monate Umweg von einem Stadtteil in den andern. Zehn Monate haben sie ihm gestohlen von seinem vierundvierzigsten Lebensjahr!
Jetzt sitzt er in diesem Bus, der am Mittag das sächsische Chemnitz, heute Karl-Marx-Stadt, verlassen hatte. Dort, auf dem Kaßberg, befindet sich das Gefängnis der Staatssicherheit. Früher herrschte da die Gestapo, nach fünfundvierzig die sowjetische GPU, heute ist ein Flügel des verzweigten Gebäudes den Anwärtern auf diese Busreise vorbehalten. Man checkt sie noch einmal durch, ehe sie zum Verkauf freigegeben werden. Heute also ist Martin Schneider mit dabei, ebenso Jürgen, Karo und Stöpsel.
Karo wird so genannt, weil er nur diese scheußlichen Zigaretten raucht: KARO - Marke Mückentod. Und Stöpsel heißt eigentlich Harry. Martin hatte ihm vor einem halben Jahr diesen Spitznamen verpaßt. Als sie damals mit dem GROTEWOHL-EXPRESS nach Naumburg gekommen waren, packte Harry seinen Effektenbeutel aus: Zahnpasta, Zahnstocher, Nagelschere, Ohrreiniger, Massagebürste - und als Clou einen Stöpsel für's Waschbecken! "Naja - mein Freund Mecki hatte in seinem Rucksack das Kletterwerkzeug für die Flucht über die Grenze in Thüringen, und ich hatte an alles gedacht, was man braucht, wenn's schiefgeht."
War ja auch schiefgegangen. Dem Zugschaffner waren zwischen Saalfeld und Sonneberg die beiden jungen Leute aufgefallen, wie sie schweigsam, aber ungeduldig aus dem Fenster sahen. Er machte also beamtenbrav seine Meldung an die mitfahrenden Genossen von der Staatssicherheit, die ja in den grenznahen Zügen sozusagen zur Mannschaft gehört.
So wurden Harry und Mecki als Fluchtverdächtige festgenommen und machten dann ihren Weg durch die DDR-Gefängnisse.
Die beiden Schulfreunde hatten schon zwei Jahre Verbannung hinter sich - also "Arbeitsplatzbindung" im Senftenberger Braunkohlerevier mit täglicher Meldepflicht beim ABV. Dort hatten sie ihre Bräute kennengelernt. Am Tag der gemeinsamen Hochzeit waren sie vom Standesamt direkt zum Rathaus gezogen und gaben ihren Ausreiseantrag ab. Sie wollten nicht erst Jahrzehnte abwarten, um am eigenen Leibe zu erfahren, wie ein Leben in diesem engumgürteten Lande verläuft. Die duckmäuserische Haltung ihrer Eltern war Anschauung genug. Inzwischen waren sie fünfundzwanzig und waren junge Väter geworden. Da beschlossen sie, für ihre Familien die Vorreiter zu machen. Egal, wie es abgehen würde - nur weg wollten sie von da und dann ihre Frauen und Kinder nachholen.
"Lieber im Westen aus der Mülltonne kieken als im Osten aus der Neubauwohnung!"
Heute ist Stöpsel allerdings allein, sein Freund Mecki zählt noch nicht zu den Glücklichen.

Mittags knallten im Erdgeschoß des Stasi-Gefängnisses von Kalle-Malle die Riegel der Zellentüren - jetzt bei Zelle vier, endlich auch die Fünf. Stöpsel, Martin, Jürgen und Karo nahmen ihre Entlassungsscheine und Ausbürgerungs-Urkunden an sich und gingen zur Tür. Sie sahen sich noch einmal um:
Das war sie gewesen - die letzte "Behausung" in dieser DDR! Fünf eiserne Bettgestelle, zu zweit und dritt übereinandergestapelt, der Minitisch, die beiden Hocker, Waschbecken und Bello - das alles in der düsteren Buchte von zwei mal fünf Meter. Nicht zu vergessen das Fenster Marke HELSINKI mit der Schnüffelklappe. - Die spöttische Bezeichnung deshalb, weil solche sogenannten Fenster, die aus zwei hintereinander liegenden Schichten von Glasblockbausteinen bestanden und eine Holzklappe besaßen, aus der man zwar nicht hinaussehen, dafür aber etwas frische Luft schnuppern konnte, seit dem Helsinki-Abkommen verboten waren.
Nun also endlich "Ade" und "Auf nimmer Wiedersehen"!
Sie gingen an dem Offizier vorbei in die Halle, bekamen ein Stullenpaket, suchten sich in der Ecke ihren Beutel heraus, der ihre Utensilien enthielt. Nagelschere, Armbanduhr, Kugelschreiber, Briefpapier, Ehering, den letzten Brief und ein Foto von Frau und Kind - das war's, was sie mitnehemen konnten auf die Fahrt in das neue Leben.
Draußen im Gefängnishof stand der Bus. Braunbeige gestreifte Polstersitze, ebenso abgepolsterte Decke und ausgelegter Boden.
"Westbus", sagte Karo.
"Wie im Traum", flüsterte Martin hinter ihm. Sie ließen sich in die weichen Liegesitze fallen.
Jürgen entdeckte hinter dem vordersten Busfenster seine Frau Kerstin. Hektisch stolperte er die zwei Stufen hinauf. Die beiden umarmten sich und sprachen kein Wort. Nach einem Jahr die erste Berührung.
Auf dem Hof standen noch zwei MERCEDES-Limousinen. Nach etwa zehn Minuten setzte sich der eine in Bewegung, vorn öffnete sich das große eiserne Tor, es ging leicht bergauf. Langsam schob sich die Kolonne zum Tor hinaus und bog auf der Straße nach rechts ab.
Gegenüber eine Schule. Jetzt war dort Pause. Viele Schüler beugten sich aus den Fenstern.
Du lieber Himmel - dachte Martin - jede Woche sehen die so eine Kolonne aus dem Gefängnis in den Westen fahren. Da wissen sie doch sicher, was hier gespielt wird. Und trotzdem lassen sie sich zu "jungen Sozialisten" erziehen, lernen den Genossen Honecker lieben und den Klassenfeind hassen - wir sind ja auch Klassenfeinde. Wie verkraften die das eigentlich?
Einige Schüler winkten aus den Fenstern. Aber die Bus-Insassen wagten die Grüße nicht zu erwidern, denn sie fühlten sich noch immer als Gefangene, solange die Stasi gegenwärtig war - und sie waren es ja auch tatsächlich.
Stöpsel brummelte nur: "Dann macht's man hübsch, ihr lieben Kinder!"
Der Bus schaukelte um die Kurve, unterquerte die Bahnhofsbrücken und quälte sich durch die Straßen der Innenstadt. Aus einer Straßenbahn kam ein verstohlenes Lächeln einer Frau, und von einer Bockwurstbude grüßte ein Mann sogar mit erhobener Hand Victory !
Martin und sein Nachbar, Werner Grote, gucken sich erstaunt an: Hoppla, das gibt es also auch!
Dann geht es den Berg hinauf zur Autobahn. Tacktack - tacktack. Dem singen der Räder geben die Querrillen den Takt. Die Sonne grüßt von vorne links. Es geht in Richtung Westen.
Aus der nächsten Reihe beugte sich Karo vor. "Wo liegt Giessen denn eigentlich? In Nordrhein-Westfalen?"
Werner, der Ingenieur antwortet:"Nee - in Hessen, in der Nähe von Frankfurt."
Karo mault. "Bin eben nur ein doofes Zonenbrot."
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