zurück               Polnischer Sommer 80

* Auszug aus NUTTENBROSCHE UND WASSEKLOPS *
 Im Monat Juli brach in Ostberlin das Polnische Fieber aus. Gerüchte kursierten über Streiks in Polen, die mehr und mehr verschärft würden durch massive politische Forderungen. Die Leute redeten kaum noch über etwas anderes - so wie sechs Jahre später über Tschernobyl oder noch drei Jahre später über die DDR-Flüchtlinge von Prag und Budapest.
Die Stasispitzel vermehrten sich wie die Karnickel, nirgends war man mehr unter sich. Partei und Stasi verschärften die revolutionäre Wachsamkeit und sorgten für ständigen Nachschub an Witzen und Anekdoten, um die antipolnische Stimmung, die ja nie ganz verschwunden war, wachzuhalten und sie gegen die neue Streikbewegung zu richten.
"Warum hat die DDR in diesem Jahr die Sommerzeit wieder eingeführt? - Damit unsere Panzer nicht zu spät zu den Manövern nach Polen kommen."
Von einem Tag auf den andern verschwanden die polnischen Zeitungen von der Bildfläche - und die Polen auch, denn die Freundschaftsgrenze wurde wieder dicht gemacht. Trotzdem gab es genügend Kanäle, um die brandneuen Nachrichten aus Danzig, Lublin und Warschau ins Land zu bringen. Nicht zuletzt das Fernsehen.
Übrigens gab es auch die Gegen-Witze, so zum Beispiel den:
In einem Großbetrieb bei Krakau wird eine neue Maschinenhalle eingeweiht. Zur Feier erscheint auch der Wojewode dieses Gebietes. Beim anschließenden Festessen werden dem Staatsbeamten verdiente Funktionäre und Arbeiter vorgestellt. Nachdem sie alle vorbeigezogen sind und dem Wojewoden die Hand schütteln durften, fragte der den Werkleiter: "Und wo bleibt der Kollege Kowalski?" - Kowalski? - Der Werkleiter läßt seinen Kaderleiter in den Akten suchen. "Ja, den haben wir - einen Elektriker." "Dann schaff ihn herbei!" Der Kaderleiter schafft Kowalski herbei, der Werkleiter stellt ihn dem Wojewoden vor, der Wojewode nimmt Kowalski beim Arm und zieht sich mit ihm zurück. Nach einer Stunde kommen sie wieder in die Kantine, aber keiner der beiden sagt ein Wort über das Besprochene.
Zum polnischen Nationalfeiertag gibt der Parteichef Gierek in Warschau einen Empfang, zu welchem auch besagter Werkleiter zugegen ist. Da fragt Gierek den Werkleiter: "Wo ist  denn der Kollege Kowalski?" Der Werkleiter eilt zum Telefon und beauftragt seinen Kaderleiter, auf schnellstem Wege den Kowalski nach Warschau zu bringen. Als Kowalski endlich erscheint, nimmt ihn Gierek beiseite und redet mit ihm. Und niemand erfährt, worüber.
Einige Zeit später stellt der Kardinal Wychinski die Delegation zusammen, die ihn zum Papst begleiten soll. Plötzlich zieht er die Augenbrauen hoch. "Warum steht Kowalski nicht drauf?" Also wird Kowalski auf die Liste gesetzt und begleitet den Kardinal nach Rom. Dort erfährt der Kardinal, daß trotz aller Absprachen seine Audienz beim Papst erst einen Tag später stattfinden soll. Er ist pikiert.
"Ich verstehe das auch nicht", sagt Kowalski, "denn ich treffe mich schon heute abend mit ihm." Der Kardinal kann das natürlich nicht glauben. "Aber ja, Eminenz! Wenn die Glocken von Sankt Peter läuten, werde ich mit dem Heiligen Vater an das geöffnete Fenster treten, und Ihr könnt sehen, ob ich die Wahrheit sage."
Kurz vor sechs am Abend begibt sich der Kardinal auf den Petersplatz. Als die ersten GLockenschläge über die ewige Stadt hallen, öffnet sich rechts oben ein Fenster, und zwei Gestalten werden sichtbar. Der Kardinal kennt sie nur zu gut. Er fällt in Ohnmacht. Als er wieder zu sich kommt, fächelt ihm ein Römer mit einem sauberen Taschentuch Luft zu. "Was ist denn, Eminenz?" Der Kardinal zeigt nur stumm hinauf zum Fenster. Sagt der Römer: "O ja, ich habe mich auch schon gewundert. Wer ist denn der Herr dort neben Kowalski?" Da fällt der Kardinal erneut in Ohnmacht.

Als Roland dieser Tage in's ESPRESSO ging, zeigte ihm Michael, der Soziologe, ein Blatt mit den sechzehn Forderungen des Danziger Streikkomitees.
"Wo hast du denn die her?" fragte Roland leise.
"Aus der FAZ abgeschrieben, im Palast-Hotel." Micha machte eine Kopfbewegung nach rechts. Am Nachbartisch saß ein Mann, der aussah wie ein Assistent von der Uni und seine Nase ins NEUE DEUTSCHLAND steckte. Komisch nur, daß seine Augen nicht den Zeilen folgten, sondern konzentriert auf einen Punkt in der Mitte der Zeitung gerichtet, gleichzeitig aber auf Fernsicht geschaltet waren.
Roland grinste. Warum stellten sich diese Aushilfskräfte nur immer so dämlich an? Oder sollte man sie sehen, um den Glauben an die Allgegenwart der Stasi auch nicht für eine Minute zu verlieren? Gleichwie - man mußte auf der Hut sein.
Nachdem Roland die sechzehn Thesen gelesen hatte, stand er mit Micha auf, und sie gingen die Linden entlang, immer schön auf dem Mittelstreifen, weit genug entfernt von den Kameras und möglichen Richtmikrophonen.
Micha erzählte, was er von einem polnischen Kollegen in der Akademie erfahren hatte. "Bei Lublin haben Eisenbahner einen ganzen Güterzug, der nach Moskau sollte, angehalten. Es hieß, daß da Fleischkonserven und andere Lebensmittel für die Olympiade drin gewesen sind. Die Wut der Leute kannst du dir vorstellen. In Polen werden die Preise hochgesetzt, und die Regierung verschiebt die Fressalien an die Russen. Die Frachtpapiere waren deshalb natürlich auch falsch. Die Eisenbahner forderten, daß die Waggons geöffnet werden. Als das nicht geschah, haben sie die Waggons einfach an die Schienen angeschweißt!"
Roland brüllte vor Lachen. Das war mal ein Streich! "So was würden wir hier in unserer DeDeRe nie fertig bringen! Und außerdem wollen die Polen die Privilegien der höheren Partei- und Staatsfunktionäre abschaffen. Die gehen ja ans Eingemachte."
"Ich fürchte nur", meinte Michael, "daß die damit nicht durchkommen. Und selbst wenn die polnische Regierung nachgeben sollte, um am Ruder zu bleiben, würden unsere führenden Genossen dafür sorgen, daß es nicht geschieht. Kannst du dir vorstellen, daß Honni und die ganze Sippe freiwillig aus dem Städtchen ausziehen und in einem Häuschen in Grünau zwischen Bürger Meier und Bürger Heym wohnen würde? Oder denkst du etwa, die Genossen ließen sich ihre Jagdreviere wegnehmen?"
"Nee."
"Eben deshalb haben die Polen leider keine Chance. Sie sind von lauter Freunden umgeben."
Roland schnaufte. "Was mich am meisten ankotzt - daß man rein gar nichts tun kann, nur zugucken, wie wieder einmal ein ganzes Volk zur Raison gebracht wird."
"Und Schnauze halten", ergänzte Micha.
Doch genau das hatte sich Roland abgewöhnt - das heißt, er war soeben dabei. Bereits letztes Weihnachten hatte er mit seiner persönlichen Meinung zu Afghanistan nicht hinterm Berg gehalten, weshalb er ja aus dem Akademie-Institut geflogen und in dem dämlichen Rechenzentrum gelandet war. Was sollte ihm jetzt schon noch groß passieren? Das sollte Roland schon bald erfahren, noch ehe der Sommer zuende ging.
 
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