Treffen am Wannsee
Erzählung
* Auszug *
 Eines Tages hatte er sie kennengelernt, fünfundachtzig oder sechsundachtzig muß es gewesen sein. Er war über sie gestolpert. Blanker Zufall - und ein Schuß Dämlichkeit.
An diesem Spätsommertag war ich hinaus ins Strandbad gefahren und saß unschlüssig auf der Terrassenmauer, weil ich keinen Bekannten erblickte, zu dem ich mich hätte setzen wollen. Und wenn nicht das passiert wäre, was ich wiederzugeben beabsichtige, wäre ich nach einem kurzen Bad wieder in die Stadt zurückgefahren, vielleicht in die Hundekehle  auf ein Bier. So aber blieb ich auf meinem Beobachterposten sitzen, und das Ganze spielte sich sozusagen direkt unter meinen Augen ab.
Ein Mann in dunkelblauer Badehose, bestimmt schon über die Vierzig hinaus, der, wie ich etwas später hörte, Martin Kaczmarek hieß, kam mit einem  Kaffeebecher die drei Stufen von der Promenade herunter und wollte wohl wieder zu seinem Badehandtuch gehen. Dabei rührte er mit dem weißen Plastiklöffel im Kaffee, damit sich der Zucker schneller auflöse - mit einer Hingabe, als wäre in diesem Moment nichts wichtiger als das.
Plötzlich liegen ein Paar Füße im Weg. Kaczmarek stolpert, der heiße Kaffee schwappt über die linke Hand, und er läßt den Becher fallen. Die Brühe versickert im Sand.
"O, das tut mir leid, Señor. Ich hätte sie wegziehen sollen."
Kaczmarek dreht sich verwundert um. Im Liegestuhl sitzt eine alte Dame. Blaugeblümtes Kleid, die nackten braunen Beine im Sand ausgestreckt. Weißes Haar, keine Brille.
Kaczmarek stottert. "Nein, nein. Es war meine Schuld. ich hätte auf den Weg achten müssen."
"Kommen Sie", sagt die alte Dame, "kaufen Sie sich einen neuen Kaffee und bringen Sie mir auch etwas zu trinken mit, einfach Mineralwasser. Hier haben Sie Geld."
Kaczmarek ziert sich. "Ich weiß nicht recht."
"Wieso, habe ich etwas falsch gemacht, mein Herr?"
"Nein, nein", beeilt sich Kaczmarek zu widersprechen.
"Dann genieren Sie sich nicht", sagt die Frau, "schließlich waren es meine Füße."
Der Mann trabt also brav los, den Weg zurück durch den Sand zur Treppe, dann über die heißen Fliesen bis zur Pizzabude. Er läßt sich eine Pizza mit Pilzen backen. Inzwischen kauft er nebenan vom Geld der Frau einen Kaffee und eine Büchse Mineralwasser. Er balanciert die Trinkgefäße und den Pizzateller über den Weg zwischen den Badegästen hindurch.
"Sie sind mir doch nicht böse, daß Sie den Weg noch einmal gehen mußten?" empfängt ihn die Frau.
"Nein, nein", sagt Kaczmarek, "Hier ist Ihr Mineralwasser und das restliche Geld."
"Danke", sagt sie. Kaczmarek steht vor dem Liegestuhl der Frau, in der einen Hand den Kaffeebecher, in der andern den Pappteller mit der Pizza. Er müßte nun mit dem Kopf nicken und weitergehen - oder noch "Auf wiedersehen" sagen. Aber er steht da und guckt abwechselnd auf den Kaffee und die Pizza.
Die Frau lacht laut auf. "Sie sind allein hier, nicht wahr?"
"Ja, ja", sagt Kaczmarek.
"Na, dann setzen Sie sich doch hierher und leisten einer alten Frau ein wenig Gesellschaft. Legen Sie Ihre Pizza auf meine Reisetasche und holen Sie Ihre Sachen."
"Sie haben recht - warum eigentlich nicht", meint Kaczmarek, legt den Pappteller auf die braune Reisetasche, stellt den Kaffeebecher in den Sand und geht zwischen den lagernden Badegästen und spielenden Kindern etwa dreißig Meter zu seinem alten Platz, rafft sein Bündel zusammen und kehrt zu der Alten zurück. Er breitet sein Handtuch auf dem Sandboden aus und setzt sich.
Die Frau rückt in ihrem Liegestuhl ein wenig nach links, um mit dem Gesicht in den Schatten eines der wenigen Bäume zu kommen, und blickt auf den zu ihren Füßen hockenden Mann. "Essen Sie ruhig Ihre Pizza, junger Mann. Ich schwatze unterdessen ein wenig - und wenn sie Lust haben, hören Sie zu. Das tut mir gut."
Kaczmarek nickt kauend.
"Es ist schön hier draußen. Gestern war meine Tochter mit mir hergefahren. Ich habe sogar gebadet, obwohl mir - ehrlich gesagt - das Wasser zu kalt ist und zu schmutzig. Ich bin solche Seen einfach nicht gewöhnt, bade ja meist im Meer. Heute bin ich allein hergefahren, mit dem Taxi. Am Abend holt mich die Tochter ab, und mein Schwiegersohn kommt sicher auch mit. Die beiden haben sogar heute am Sonntag etwas zu tun in der Stadt. - Aber Ihr Berlin gefällt mir, junger Mann. - Sie sind doch von hier?"
"Ja, ja", sagt der, "ich bin Berliner, Urberliner."
"Wie heißen Sie eigentlich?" fragt sie plötzlich.
Kaczmarek blickt zu ihr auf. "Kaczmarek", sagt er, "Martin Kaczmarek."
Die Frau lacht. "Ihr Berliner seid mir ein Völkchen. Keiner will zugeben, daß seine Wurzeln nicht im märkischen Sand stecken! Dabei hört man Oberschlesien grüßen! Haben Ihre Eltern noch dort gewohnt?"
"Nein", sagt Kaczmarek, "meine Urgroßeltern waren das. Sie hatten in der Nähe von Breslau eine Schmiede. Nach dem Schlesischen Krieg ist die ganze Familie nach Mitteldeutschland gewandert, mein Urgroßvater bis Berlin."
"Ach, der Urgroßvater!", unkt die Alte, "darum also sind sie Urberliner!"
"Na klar!" sagt Kaczmarek nur und beißt wieder von seiner Pizza ab.
"Ach wissen Sie", fährt die Alte fort, "ich bin ja erst eine Woche hier, und doch fühle ich mich schon pudelwohl in dieser Stadt,  beinahe wie zuhause. Können Sie sicher nicht verstehen, weil Sie hier aufgewachsen sind. Aber für mich ist es eine Entdeckung, die Erfüllung eines alten Wunschtraums. Das ist eine quicklebendige Stadt. Nee, nee - Berlin ist kein Dorf. Eher diese aufgeplusterten Residenzstädte, wo bei Einbruch der Dunkelheit die Bürgersteige hochgeklappt werden. Aber hier - das ist genau so, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Wir waren ja auch einen halben Tag drüben im Ostteil, gehört ja irgendwie dazu. Aber hier ist das Leben viel bunter - nein, das ist nicht das richtige Wort: offener - oder öffentlicher - ja."
Kaczmarek will ihr zustimmen, aber er hat gerade einen großen Bissen im Munde, und so nickt er nur. Es freut ihn, daß da jemand seine Auffassung teilt, ist es doch beinahe zur Mode geworden, jedes Lob auf diese Stadt als "rechte Propaganda" abzutun, was ihn sehr ärgert, schließlich ... Er kaut schneller, damit er dazu etwas sagen kann, ehe die Frau auf ein anderes Thema zu reden kommt, denn sicher sind nun die familiären Dinge dran.
"Warum sind sie eigentlich noch so weiß? Wir haben doch immerhin schon Ende August."
Kaczmarek ist perplex. Aber dann sagt er: "Ja, das stimmt, ich bin heute zum ersten Male baden, bin ja erst ... bin erst jetzt dazu gekommen, hatte den ganzen Sommer über keine Zeit dazu."
"Ja", sagt die Alte ohne zu zögern, "das sage ich meinem Schwiegersohn auch immer, daß er öfters mal an die frische Luft soll. Er sieht auch noch ganz blaß aus, obwohl er doch von drüben ist."
Kaczmarek klingelt es in den Ohren. Von drüben? Übersiedler aus dem Osten? Warum dann aber...
Es ist die Irritation des Wörtchens drüben . In Ostberlin und in der DDR heißt drüben  immer: der Westen - Berlin West und die Bundesrepublik. Bundesbürger in Hamburg oder München meinen mit drüben Amerika, genauer: die Staaten. Hier, in Berlin West, ist das Wort drüben  mindest doppeldeutig: Das eine Drüben  liegt sozusagen vor der Haustür: Ostberlin und die DDR. Das andere Drüben immerhin zweihundert Kilometer weiter weg. Kein Wunder also, daß Kaczmarek bei besagtem Wort erst genauer sondieren muß. "Woher, bitte schön, kommt Ihr Schwiegersohn?"
Die Alte stutzt zunächst, als müsse sie überlegen, ob sie das nicht soeben gesagt habe, scheint sich aber auch der Ungewißheit des Drüben gewiß zu werden, besonders in dieser Stadt.
"Na, von drüben aus Amerika stammt er - aus Chile. Er ist doch Chilene. Meine Tochter Maria ist zwar auch dort geboren, aber sie ist natürlich Deitsche. Ich bin ja auch deitsch. - Was denken Sie, junger Mann, woher ich stamme?"
Kaczmarek leckt sich die Finger ab und wischt die Krümel von der Pizza, die auf seine Badehose gefallen sind, in den Sand. Man kann richtig sehen, wie es in seinem Kopf rattert. "Äh - äh - Lausitz?" stammelt er. Das ist die Gegend hinter Dresden, dort wo sie Arpelmauke  zu Quetschkartoffeln sagen.
"Ah! Fast richtig" ruft die Alte. "Noch ein Stück weiter nach Südosten: Sudetengau. Aber das ist ja heute Tschechei oder ? Helfen Sie mir - wie sagt man?"
Kaczmarek kommt wieder ins Stottern "Ja, wie heißt das nun richtig -  Tschechei oder Tschechoslowakei - da haben sie doch ..."
"Richtig", bestätigt die Alte, " mir ist auch so - da war doch was."

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