zurück         Die Witwe des Präsidenten
               eine makrelische Tragödie
Gegenwart. / Makrelien. Zimmer eines Gartenhauses.
Die Anregung kam vom Pekinger Prozeß gegen die Mao-Witwe : Todesurteil mit zweijährigem Aufschub. Da es aber weniger um China geht, spielt das Stück im Land Makrelien.
Das Thema der Tragödie: der Verrat.
Das Stück entstand 1982 in Ostberlin, wo es nach Einreichung bei den Kollegen Dramaturgen sogleich in den "Giftschränken" verschwand, u.a. dem des Deutschen Theater Berlin.
Vor der  Verhaftung des Autores 1983 konnten einige Manuskripte über die ägyptische Botschaft ausgelagert und dadurch dem Zugriff der Stasi entzogen werden - dieses Stück gehörte dazu.
I.  A K T

1. Szene:
(Geräumiges Zimmer mit drei Türen und Balkonfenster. - Eine Tür wird geöffnet. Die Wärterin, in Gefängnistracht, schiebt einen Rollstuhl herein, worin Isidora sitzt - in gleicher Bekleidung, aber mit einer Nummer auf der Brust. Sie hat ein Bündel auf dem Schoß. Ihre Augen sind mit einer schwarzen Binde verdeckt.)
Wärterin:   Jetzt können wir die Binde wieder abnehmen.
    (Isidora sieht sich erstaunt um.)
Wärterin:     Gerade war ich mit dem Aufwischen fertig, als man Sie aus dem Zentral-gefängnis rüberbrachte. Nur noch etwas Staub wischen. Es ist alles so staubig hier.
Isidora:        Ich verstehe nicht ... Ich dachte, ich komme in eine andere Zelle, in die letzte, bevor ...
Wärterin:     Ich weiß nichts. Ich sollte saubermachen und mich um Sie kümmern. Das ist eine Anordung - Sie sollen sich wohlfühlen.
Isidora:        Wohlfühlen soll ich mich? Vier Tage vor der Hinrichtung? Eine Gemeinheit ist das. Hören sie, das ist eine dreckige Gemeinheit!
Wärterin:     Ich weiß doch nicht ... weiß auch nicht, was Sie ... habe nur die Quittung, daß ich Sie übernommen habe. Häftling Nummer ... ach, ich habe die Nummer vergessen.
Isidora:     Sechstausendundeins.
Wärterin:     Ja, so.  - Legen Sie Ihre Sachen da auf das Bett, ich räume dann alles in den Schrank.
Isidora:      Was ist denn das da?
    (Sie zeigt auf Telefon, Kassettenrecorder und Radio.)
Wärterin:    Na, das ist doch ... Hier ist was zum Reinsprechen. Alles für Sie.
Isidora:      Was soll denn das - was erwarten die denn von mir?
Wärterin:    Sie sollen sich wohlfühlen.
Isidora:      Rede nicht solchen Unsinn! Wie kann ich mich denn wohlfühlen!
Wärterin:    Ich bin gleich fertig mit dem Staubwischen, Frau. Dann ist alles schön sauber hier.
Isidora:     Schön hier! - Schön hast du's hier, Sechstausendundeins, sehr schön! - Und die Türen da? Was ist denn dahinter?
Wärterin:     Na, hier ist die Küche und da das Bad. Ist schon alles sauber. Wenn Sie baden wollen ...
Isidora:     Baden! Wollen die mich in einer Unterhaltungsshow hinrichten? Kommt etwa noch der Friseur?
Wärterin:     Auch bei seinem letzten Gang soll man ordentlich aussehen.
Isidora:     Laßt mich doch in Ruhe mit Eurem Theater! Ich will meine Ruhe haben - ich will wieder in meine Zelle!
    (Sie fährt zur Tür.)
Wärterin:     Entschuldigen Sie, die muß ich immer abschließen.
    (Isidora fährt zum Balkonfenster.)
Wärterin:     Die Brüstung ist zum Glück nicht allzu hoch. Sie können bequem drüberweg schauen in den Park. Es ist schön draußen, nicht?
Isidora:     Es ist schön draußen! - Ja.- Wissen Sie eigentlich, was das für ein Haus ist?
Wärterin:     Nein. Nein, ich kann mich nicht erinnern.
Isidora:     Aber ich erkenne es wieder, trotz der Umbauten. Das war unser Gartenhaus. Hier empfing mein Mann nur seine Freunde, bevor dieser Verräter ... Aber warum bin ich ... Ist in dem Haus noch das Offizierscasino?
Wärterin:     Was, hier? Nein, hier wohnt niemand sonst. Nur ich habe unten mein Zimmer.
Isidora:     Merkwürdig. Da steckt doch eine Absicht dahinter. Irgendeine Gemeinheit von diesem Leporello. Kennen Sie den neuen Präsidenten von Makrelien?
Wärterin:     Ja, von den Bildern her kenne ich den, ja, natürlich.
Isidora:     Mach das ab da von der Wand.
Wärterin:     Aber nein, das geht nicht. Das ist der Präsident, das gehört zur Ausstattung.
Isidora:     Du sollst das runternehmen, sag ich!
Wärterin:     Das darf ich nicht. Der hängt doch überall.
    (Isidora fährt in die Küche.)
Isidora:     Nimm das runter - hier auch.
    (Sie fährt ins Bad.)
        Und hier auch. Dieses Scheusal!
Wärterin:     Aber ich ...
Isidora:     Runter damit! Kannst ruhig sagen, daß ich dich gezwungen habe. Sie können mir nur einmal den Kopf abschlagen. Und ich soll mich schließlich wohlfühlen.
    (Die Wärterin nimmt die Bilder ab.)
Isidora:     Gehen Sie, lassen Sie mich allein. - Nein, warten Sie. Können Sie mir Zigaretten besorgen und etwas zu trinken?
Wärterin:     Ja, ich habe extra für Sie was da.
Isidora:     So? - Dann eine Flasche Coronilla.
Wärterin:   Diesen Zuckerrohrschnaps?
Isidora:     Ja, genau den. Mir ist jetzt danach.
Wärterin:   Jawohl, Frau.
    (Wärterin geht.)
Isidora:     Merkwürdig. Merkwürdig.
     (Sie greift nach dem Telefon.)
                Ganz normales Freizeichen.
     (Sie wählt eine Nummer.)
Frau:     Telegramm-Annahme, Platz sieben.
Isidora:     Ich möchte ein Telegramm aufgeben.
Frau:     Einfach oder dringend? Mit Schmuckblatt?
Isidora:     Nein, einfach, ohne Schmuckblatt.
Frau:     Ihre Nummer, bitte.
Isidora:     Sechstausendundeins.
Frau:     Was für eine Nummer haben Sie denn da?
Isidora:     Ach, ich rufe aus dem ...
Frau:     Hallo! Hallo, Teilnehmer! - Na, dann nicht!
    (Isidora legt auf.)
Isidora:     Immerhin. Man gibt mir ein richtiges Telefon. Merkwürdig. Ich könnte jedermann anrufen. Aber wen? - Zwei Jahre nach meinem Prozeß. Da bin ich für die meisten schon längst tot. - Mein Sohn! Wo ist mein Demetrius? Ich könnte bei meiner Freundin ... Ach, für die bin ich sicher auch schon nicht mehr da. Nie habe ich Post bekommen in der Zeit hier. Freundin, ha! Habe ich denn je eine wirkliche Freundin gehabt? Ganz früher, ja. Aber als ich Frau Präsidentin wurde, gab es nur noch diese Schleimscheißer. "Ach, liebste Isidora, wir haben Sie für immer in unser Herz geschlossen", "Küss die Hand, Gnädigste - ewig der Ihre!" Und wo sind sie jetzt? Sicher kriechen sie diesem Lumpen um den Thron. Ekelhaft! - Mein Söhnchen! - Ah, ich erinnere mich - da war doch diese Kneipe ...
    (Sie findet ein Telefonbuch.)
        Lokale ... Zur Auster ... Genève - ha! Makrelien wird doch nicht der UNO bei-getreten sein? ... Lukullus ... Zur Muschel ... Orchidee ... Peking ... Qualle. Meine Güte, immer und überall dieselben Namen! ... An der Rampe ... nein, hier -
    (Die Wärterin kommt mit einem Tablett zurück.)
Wärterin:     Man hat mir tatsächlich solches Zeug hingestellt für Sie.
Isidora:     Gib her! - - Ah!
Wärterin:     Wie man nur sowas trinken kann. Ich habe das nie angerührt. Ich weiß nicht mehr - ich glaube aber nicht.
Isidora:     Ist noch mehr davon da?
Wärterin:     Ja - wieso?
Isidora:     Dann bringen Sie mir die anderen Flaschen auch. Ist schließlich der letzte Schnaps in meinem Leben. Und ich soll mich wohlfühlen.
Wärterin:     Ach so, ja.
Isidora:     Wissen Sie was? Das Telefon geht wirklich!
Wärterin:     Das ... Ja, warum denn nicht?
Isidora:     Na, hören Sie, ich bin im Knast, bin Todeskandidatin! Mit Telefon, Radio und Kassettenrecorder! Das habe ich noch nie gehört.
Wärterin:     Ja - ich weiß auch nicht.
Isidora:     Aber wird wohl alles verwanzt sein - muß ja.
Wärterin:     Nein, also das nicht! Das lasse ich mir nicht nachsagen. Ich habe überall gründlich durchgewischt.
Isidora:     Ich meine doch Wanzen - Abhörgeräte, verstehen Sie? Um mich abzuhören.
Wärterin:     Also, ich habe nichts gehört.
Isidora:     Sagen Sie mal - sind Sie ein bißchen krank hier oben?
Wärterin:     Ja, ja - ein bißchen. Aber der Anstaltsarzt sagt, es geht mir schon viel besser jetzt. Und ich merke es auch.
Isidora:     Mein Gott! - Was sind Sie denn eigentlich für eine? Eine Beamtin oder ...
Wärterin:     Warten Sie - es ist so ein schwieriges Wort: "Re-kon-valin".
Isidora:     Rekonvaleszentin.
Wärterin:     Ja - das bin ich, sagt der Anstaltsarzt. Und der Herr Direktor sagt das auch. Darum bin ich jetzt hier bei Ihnen.
Isidora:     Und vorher?
Wärterin:     Da war ich doch im Zentralgefängnis.
Isidora:     Also auch ... Aber du hast keine Nummer.
Wärterin:     Nein, die habe ich nicht mehr, weil ich doch jetzt Rekon ...
Isidora:     Ich weiß, ich weiß. Aber, wann kommst du denn hier raus?
Wärterin:     Na - ich bin doch jetzt bei Ihnen.
Isidora:     Ach so - na dann. Ist schon gut. - Wie heißt du denn? - Wie ist dein Vorname?
    (Die Wärterin weint.)
Isidora:     Was ist denn - was ist denn?
Wärterin:     Ich habe doch, hab doch meinen Namen vergessen. Habe alles vergessen.
Isidora:     Na, komm, beruhige dich. willst du einen Schluck?
Wärterin:     Nein, nein!
Isidora:     Ist ja gut, mußt ja nicht.
(Die Wärterin läuft aus dem Zimmer. Isidora lauscht, aber dann wird doch der Schlüssel herumgedreht.)

            Gegenwart. / Makrelien. Zimmer eines Gartenhauses.
Die Anregung kam vom Pekinger Prozeß gegen die Mao-Witwe : Todesurteil mit zweijährigem Aufschub. Da es aber weniger um China geht, spielt das Stück im Land Makrelien.
Das Thema der Tragödie: der Verrat.
Das Stück entstand 1982 in Ostberlin, wo es nach Einreichung bei den Kollegen Dramaturgen sogleich in den "Giftschränken" verschwand, u.a. dem des Deutschen Theater Berlin.
Vor der  Verhaftung des Autores 1983 konnten einige Manuskripte über die ägyptische Botschaft ausgelagert und dadurch dem Zugriff der Stasi entzogen werden - dieses Stück gehörte dazu.

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©  Josef Budek,  Vogtareuth