Dichter und Kröte
Eine Makrelische Komödie
(Auszug)
II. Schauspiel-Werkstatt  der DDR  9. - 13. 4. 1980
Die bereits angekündigte  Lesung  meiner Komödie "Dichter und Kröte" wurde vom Kulturministerium  verboten, die Vervielfältigung abgebrochen und alle Exemplare beschlagnahmt.
In dem Stück geht es um die Verführbarkeit der Intellektuellen durch die Macht.

Ein Vorstandsmitglied des Theaterverbandes * bemerkte:
"Wenn du weiter so schreibst, kriegste noch Schreibverbot - wart's nur ab!"
Damals lachte ich noch. Als die Ankündigung realisiert wurde, nicht mehr.

(* Einige Jahre nach dem Untergang der DDR wurde der Betreffende als Stasi-IM enttarnt und von seinem Generalintendantenposten in Chemnitz entfernt, tauchte aber wenig später am Theater in Ulm wieder auf.)
Prolog
          (vor dem Vorhang)

Lara:   Hallo, Herrschaften und Domestiken -
            Ladies und Mussjöhs -
            Frolleins und Gentlemans -
            Brüder und Schwestern!
Alle anständigen Touristenbüros bieten nun endlich auch Reisen nach Makrelien an.
Makrelien - das kleinste Land
mit den größten Aussichten,
in der Weltgeschichte einzugehn. Makrelien -
das Land im Herzen der Welt!
Hierlang geht's nach Norden, da nach Süden,
so nach Ost und so nach West,
und - was sagte ich? - Makrelien mittendrin.
Makrelien - das Land der Superlative:
Die höchste Geburtenziffer und die höchste Scheidungsrate,
die breiteste Massenbasis und das solideste Mittelmaß,
die größten Bäume, die längsten Liliputaner und die gelehrigsten Esel!
Eviva la Makrelia!
Wir sind zwar nicht so reich wie die Leute nebenan in Monetanien, dafür haben wir statt der Lunge eine Schwimmblase, die uns oben hält, wenn uns das Wasser über die Locken steigt. Deshalb ist unser Wappentier der Tigerhering.
Damen und Herren!
Buchen Sie eine Entdeckungsreise per Dampfschiff, Pfefferminzbahn oder Montgolfiére -
und dann unternehmen Sie eine Sight-Seeing-Tour in unsere Metropole Makrelia-City mit einem garantiert echt makrelischen Super-Panorama-Bus mit garantiert echtem Motorschaden direkt vor meiner Kneipe - der Fahrer und ich, wir sind Geschäftspartner! Die Panne dauert mindestens eine Stunde, der Motor qualmt und knallt, ruckt an und bleibt wieder stehen.
In diesem Augenblick trete ich aus meiner Kneipe und recke die Arme zum Glockenturm von St. Marien: Madonna mia! Erbarme dich der armen Seelen und rette sie vor dieser grausamen Dieselbestie und vor diesem - Caramba mortadella! - gefährlichen Idioten von Busfahrer!
So also befreie ich, Lara, die Wirtin von der Ritze, diese gequälten Menschen und schleppe sie in meine Destille, die genaustens in der Mitte unserer riesigen Metropole liegt, dieser glitzernden Kokotte. Die Bodeguita Zur Ritze, die älteste Ritze von ganz Makrelien, sie wurde noch von Casanova entdeckt. Hier gibt's die ulkigsten Typen, hier passieren die verrücktesten Dinge - alles normal.
             Nur die Stockfische empfinden
             das Normale als unnormal,
             die Lust als Laster,
             das Lachen als Lästern,
             die Freiheit als Frechheit
             und die Wahrheit als unwahrscheinliche Größe.
Damen und Herren und was dazwischen liegt! Kragenknopp auf, runter mit dem Schlips und hinein ins warme Menschenleben!
            Was ist uns heilig -
            was dünkt uns fein -
            ein jeder hat's eilig -
            drum eilig hinein!
(Der Vorhang hebt sich.)
©  Josef Budek, Vogtareuth